Brigitte Wiedl (Diethart)
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ollahaund durchanaund

Herausgegeben vom Stelzhamerbund
Gruppe „neue mundart”

literatuapreise

daß des kind
fia des letzte biachl
des dea mutta ibahaupt ned gfoit
an literatuapreis kriagt hod
des is zwieda
wias daunn
fias nechste buach
a wieda an preis kriagt
vaschteht die mutta
de wööd goa nimma
jetzt is ernstli bees —
wo do ollas ned schtimmt
wos in de biachln schteht —
ollas glogn ...

BLAUA MONTOG IN OKTOBA

endlich amoi
is da himml
wieda blau
i moch blau
und geh
aun da donau
schpazian
de heit
ausnaumsweis
a amoi
blau is
daham
ziag i
mei neiche
blaue blusn au
und woat
auf di
obadaß
du a
blau bist
bein hamkumman
des hättat i ma
ned denkt —
a so a blaua montog!


Kaleidoskop

Kaleidoskop

Texte von Mitgliedern
des Österreichischen Schriftstellerverbandes
aus den Jahren 1945–2005

Hg. Eleonore Zuzak

NACHTSTÜCKE

Vollmond

Der moderne Mond
ist schuld daran
daß ich kein Gedicht mehr
über ihn schreiben kann

Unbeteiligt
kalt und glanzlos
hängt er über dem Apfelbaum
fahlfarben
und so ganz und gar
langweilig rund
daß er schon gar nicht mehr
interessant ist
paddelt er
durch schwarze Nachtgewässer

Außerdem
ist die Nacht
zu hell für jeden Heimlichtuer -
nur anständige Leute
können bei vollem Mond
mit voller Geldbörse
vollem Bauch
und voll mit guten Vorsätzen
ruhig schlafen

Gauner Diebe und Künstler
sehen aufgestört
zum Himmel

Liebende
sind voll Liebe
voll Mond
voll Nacht

Nichts Neues

Die Zeit
tropft über
die Wände

abends

wenn der Tag
an mir
vorbeigeronnen
ist

Ein schaler Geschmack
der Nacht
ist alles

was am Morgen
bleiben wird

Was willst du mehr

Nachts das Fenster öffnen
Der Duft
im Mai ...
der süße Duft
desMai ...
Nach Flieder
Blüten
und Erinnerung
an eine Liebe -
eine Liebe! -
vermischt sich
mit einem Gefühl -
Maigefühl -
Vorbei. Vorbei?
Nein.
Wenigstens der Mai
wird immer bleiben.

Übrigens singen süß
die Vögel in der Linde

Und du willst mehr?
Was willst du mehr ...


süchtig

66 Autorinnen und Autoren
über Lust und Laster

Residenz Verlag

Nikotinsucht

s c h l a g l

jetzt liegt ea in de pöösta
wiara zprackte krot
und de haund
kaunn ea nimma rian
mit dera ea de zigrettn ghoitn hod
sechzg siebzg am tog

sechzg siebzg joa
wiad ea woascheinli
ned

"Wer alt genug zum Rauchen ist,
ist auch alt genug zum Wählen":
ORF-Zitat aus dem "Österreichbild"

Waunn i ma
ane noch da aundan
auhazn kau
kenntat i a scho
wöhln geh

wäu —
eigantli hob i jo
scho gwöht —

lungankrebs
oda rauchafuaß —
wos wiad
waaß i ned
oba vüü aundas
kaunns in da bolitik
a ned sei

noch da schtatistik
schtiabt jeda dritte raucha
jeda zweite wiad kraunk
nua ana vo drei ibalebts

jeda glaubt oba
des wiad ea sei

iagandwos
kau do ned schtimma

jetzt schau ma scho
joazehntelaung zua
wia da freind raucht und raucht
ane zindt a si mit da aundan au
und olle ohne füüta
de frau is eahm davaugrennt
de freindin hod den gschtaunk a ned ausghoitn
auf de daua
und waumma zun rechna aufaungat
hädad ea a gaunzes häusl
in de luft blosn

oba so wias jetzt ausschaut
trogns uns nikotinabstinenzler
no vua eahm aus unsan häusl
und ea raucht si bei unsan begräbnis
mit genuß ane aun

damid denan rauchan
es rauchn vageht
schtengan wüüde parolen
auf jedn tschickpackl
zun beischpüü „rauchen tötet"

oba de meistn süchtla
schaun mit freid drauf
und rauchn no mea
grod z'fleiß

san des vielleicht olle
vahindate söbstmöada?

Muntamocha

waunn i aufschteh
bin i miad

waunn i oabeitn soi
bin i miad

waunn i mi niedaleg
bin i miad

oba zun saufn
bin i nia
zmiad —
des mocht mi munta!

Drama Dreieck

Hg. Sylvia Treudl
Wiener Frauenverlag

DREIECKSMONOLOG/DIE GELIEBTE

ich weiß ich bin zu feige um dir das alles zu sagen darum werde ich es auf eine kassette sprechen und sie dir vorspielen irgendwann oder auch nicht
ich gehe an der donau es ist mittag trübes licht glänzende wellen stille ich habe meine Zigaretten vergessen ich spüre dich ich spüre dich an meinem rücken ich spüre dich an meinem hals ich spüre deine lippen auf meinen äugen ich spüre dich überall ja warum soll ich es nicht zugeben ich will dich mein körper will dich meine seele will dich und ich weiß ganz genau du willst mich auch also warum sitzen wir dann nebeneinander und berühren uns nicht und sagen uns sie wo wir beide genau wissen wie das enden kann wo wir beide genau wissen wie das enden wird wie das als einziges nur enden kann wir sind zu alt um es nicht zu wissen wir sind zu alt und zu erfahren um die liebe nicht zu kennen das was man liebe nennt was immer es auch sei was uns lachen macht und weinen und freuen und stammeln und sich sehnen und schreien und glück­lich sein und ich sage dir daß ich es trotzdem nicht richtig finde und ich sage dir daß ich es nicht richtig finden kann und ich sage dir daß ich es nicht will und sage dir daß ich dich will und dich gleichzeitig nicht will
wie geht das wirst du fragen wie geht das wie ich werde es dir sagen ich weiß wie es endet und darum darf es nicht anfangen und darum darf es nie anfangen weil ich weiß wie es endet und du weißt es auch und wenn du es nicht weißt dann weißt du es jetzt wenn ich es dir sage
wir sehen uns oft wir sehen uns öfter wir rufen uns an wir rufen uns täglich an wir schreiben uns wir schreiben uns täglich wir sind besessen voneinander wir sehen uns wir wollen uns immer sehen wir sehen uns an und wissen wo es endet wir sehen uns an und wissen wo wir sein werden wir sehen uns an und wissen daß wir ineinander versinken werden wir sehen uns an und wissen daß wir eins sein wollen wir wissen es und sind es nicht denn der verstand der verstand der verstand der läßt sich nicht ausschalten die gefühle sind groß und stark und alles aber der verstand läßt sich nicht ausschalten und was sogt denn dieser blöde verstand schon wieder was sagt der schon wieder der sagt spöttisch du weißt doch wie es endet warum beginnst du immer wieder von neuem ja ich ja weil ja gefühl und nein und dann sag ich dir dann sog ich dir wie alles endet
du siehst ihn du bist verrückt nach ihm über kurz oder lang landet ihr im bett es Ist schön es ist super es ist alles in ordnung aber dann willst du plötzlich mehr er muß auf die uhr sehen er hat nie zeit er muß gehen er muß fahren er kann nicht kommen er muß mit der familie etwas tun er muß auf das kind rücksicht nehmen er muß vor der frau das gesicht wahren ja und dann beginnst du dich zu sehnen nach ihm und er ist nicht hier und dann fragst du warum ist er nicht hier er liebt mich doch warum ist er nicht hier und ich liebe ihn und warum ist er nicht hier und dann denkst du er sollte aber hier sein er müßte aber hier sein er soll hier sein und dann rufst du an und sogst ich sehne mich nach dir und bitte komm und bitte warum bist du nicht hier und er sagt ich möchte ja und du weißt ja ich liebe dich und du weißt es ist schön und wir lieben uns aber ich aber es aber aber aber und dann bist du enttäuscht und dann bist du allein und dann trinkst du oder dann gehst du weg und dann siehst du einen anderen und dann denkst du warum kann ich nicht jemanden für mich haben und dann siehst du familien dann siehst du familien mit kindern und dann siehst du ihn und dann siehst du ihn mit der familie dann siehst du ihn mit dem kind immer vor deinem geistigen auge dann tut es dir weh dann tut es dir sehr weh dann tut es dir noch mehr weh und dann denkst du warum hab ich kein kind von ihm warum bin ich nicht seine frau und dann kommt er wieder und dann ist alles vergessen und dann seid ihr beisammen und dann seid ihr glücklich
und dann denkst du an die zeit
und dann denkst du immer nur an die zeit
und dann denkst du wieder nur an die zeit
und dann denkst du immer immer nur an die uhr
und er denkt auch an die uhr
und dann ist wieder alles aus und du bist allein und eines tages sagst du etwas du darfst aber nichts sagen du bist nur die freundin du hast kein recht etwas zu sagen und es steht dir nicht zu etwas zu sagen du mußt nichts sagen du sollst nichts sagen du darfst nichts sagen
und dann sagst du doch etwas und dann sagst du ich will dich und dann sagst du ich will immer bei dir sein und dann sagst du ich sehne mich nach dir wenn du nicht da bist und dann sagst du ich bin so allein und warum bist du nicht hier
und dann ist es schon aus weil dann denkt er oh weh schon wieder gefangen schon wieder in einer beziehung gefangen schon wieder in einer schlinge gefangen schon wieder in gefühlen gefangen und ich will nicht gefangen sein ich will nur tun was ICH will und ich will nicht tun was die frauen von mir wollen und ich will aber nur freiheit ich will alles ich will liebe und ich will sicherheit und ich will freiheit und ich will liebe und ich will sicherheit und ich will freiheit ich will alles und das kann ich aber doch nicht alles haben und dann kommt die frau einmal dahinter und dann sagt sie wo warst du und dann sagt sie nein das geht nicht und dann sagt sie und was hab ich jetzt und was hab ich getan für dich und ich habe ein kind von dir und was machen wir jetzt und dann geh ich und dann kannst du und dann mußt du und dann zahlst du und du kannst nicht und dann laß alles und dann geh zu ihr und dann gehört alles mir und dann siehst du dein kind nie mehr und dann bist du ein schuft und dann bist du ein betrüger und dann bist du ein schlechter mensch und dann weint die frau und dann kommt das kind und sagt mami was ist und dann sagt die frau was ist dein vater liebt uns nicht mehr er liebt eine andere und er pfeift auf uns und dann weint das kind und sagt papi ist das wahr und du sagst nein aber nein aber nein aber das ist nicht wahr und ich liebe euch doch und ich liebe dich ja und ich bleibe ja hier
und dann denkt er was tu ich jetzt mit ihr und was tu ich jetzt mit ihr und wie sag ich ihr jetzt daß es aus ist und dann ist alles schal und dann ist die sehnsucht zu ende und dann ist die liebe zu ende und dann denkt er was hab ich mit ihr anderes als hier was hab ich in fünf jahren anderes als mit dieser jetzt nach zehn jahren und dann denkt er ich bleibe lieber in meinen alten hausschuhen als neue anzuziehen neue drücken und die alten kenn ich schon die sind schon ausgelatscht und das möcht ich schon und wozu und alle sind doch gleich und es hat doch keinen sinn und das bißchen liebe ja das war schön aber das brauch ich nicht das ganze leben und das kind ist wichtiger und das haus ist wichtiger und die frau ist wichtiger und dann schreibt er einen brief oder er schreibt keinen brief oder er ruft an oder er ruft nicht an und läßt dich ganz bitter draufkommen daß es aus ist und dann bist du allein und dann kommen die gedanken und dann kommen die bitteren gedanken und
wer war ich jetzt und was war ich jetzt und dann
dann willst du nicht mehr leben und dann schreibst du ihm noch und dann rufst du ihn noch an aber er läßt sich verleugnen am telefon er ist nie für dich da er ist nie mehr für dich da er hat keine zeit mehr für dich
und dann willst du sterben und dann ist allles aus denn noch einmal willst du das nicht erleben und dann ist alles aus ...
und das willst du? ist es das was du willst?
ist es genau das was du jetzt willst?
denk nach und sieh mich dabei an
ob es das ist was du willst obwohl du weißt wie es ausgeht obwohl du weißt wie es enden muß obwohl du weißt wie es immer endet
obwohl du weißt daß es sinnlos ist und dann sieh mich an und dann nimm meine hand und sag ja ich will jetzt mit dir schlafen ja ich will daß du meine freundin bist und dann wage es und sage es
ob du es wagst,
ob du es sagst?

Gedankenbrücken

Prosa-Anthologie
des Österreichischen
Schriftstellerverbandes
Hg. Elenore Zuzak

Hohenau, 1953

Libellen, groß, blau, schwirren durch die hitzeflimmernde Luft.
Noch ist Wasser im Teich, doch der Weg durch die endlose, staubige Wiese ist aufgerissen, gefurcht. Tiefe Gräben und Spalten. Der nackte Fuß des Kindes steigt vorsichtig hinein, prüft die Tiefe ... unheimlich, endlos. Was ist darunter? Die Hölle ...?
Ein rundgeschwungenes Tor trennt den Hof von der flachen, silberglänzenden Lacke. Flatternd, schnatternd, flügelschlagend drängen sich unzählbar viele Gänse und Enten im kargen Naß.
An der Schattenseite Linden vor den tiefliegenden Fensteraugen.
In der reingeweißten Kammer ein Sack mit getrockneten Lindenblüten. Des Abends Tee daraus.
Die Hitze ist greifbar, kriecht zwischen Kleider und Haut. Im Schlafraum dennoch kühl durch dickes, altes Gemäuer.
Einst standen Pferde im jetzt leeren Stall. Längst ist die Mutter, die Hausfrau, tot, die Pferde ...?
Inmitten des langgestreckten Sonnenhofes der Brunnen, die Hundehütte. Ihr rasseloser, häßlicher und ungepflegter Bewohner döst faul auf seinem Strohsack. Der einzige Freund und Gefährte, der in Sicht ist. Das Kind legt sich zu dem warmen, stinklebendigen Fellbündel in dessen Behausung. Fühlt sich so ein wenig geborgen. Tage wie Honig, golden, süß, zähflüssig. Nur abends glockenschwanger.
Erst dann, wenn die warme Dämmerung wie Nebel einfällt, Schritte und Bewegung im Haus. Man sucht die Kleine. Der Hund knurrt.
Das Fenstergitter zerschneidet die Morgensonne in vier gerechte Teile. Die Linden rascheln und rauschen, Blättermusik. Duften auch im Morgentau.
Die Zeit scheint für immer stillzustehen.
Schlaftrunken hört das Kind monotones, fast unverständliches Rosenkranzgemurmel, als wäre das immer schon so gewesen, müßte so sein.
Kein Berg, kein Hügel, kein Wald steht dem Himmel im Wege. Er hat Platz sich auszubreiten bis hinein in das Herz des Kindes.

So viel Himmel und kein Ende.

Literaturlandschaft

Niederösterreichischer
P.E.N.-Club
Eine Bestandsaufnahme
Unter Mitarbeit von Ruthilde Frischenschlager
Hg. Herbert Zemann

Schneckensommer

Schon am zweiten Tag, den ich alleine hier am Strand verbringe, fühle ich den Wunsch in mir, durch Schreiben meine Gefühle zu ordnen. Habe ich eigentlich noch welche? Außer Enttäuschung und Lustlosigkeit? Rückblickend ist unsere Beziehung nur dann gutgegangen, wenn ich alles dazugetan und nichts zurückverlangt habe. ZU vieles, das es nie gab, habe ich in diese Beziehung hineingelegt — habe alles darin gesehen, was ich sehen WOLLTE, und nicht das, was war.
Denn der Mann ist ein Gescheiterter. Gescheitert am Leben, gescheitert an den Frauen, an der Erziehung der Kinder, an der Liebe, ja, sogar im Beruf gibt es immer wieder Schwierigkeiten aus eigener Schuld. Man hat nur das, was man für sich beansprucht, wofür man sich wert hält.
— Laute Deutsche lassen sich neben mir am Strand nieder, erschweren es mir,
weiterzudenken. —
Brausend versucht der Ozean, fast gleichmäßige Wellen an den flachen Strand werfend, alle anderen Geräusche zu verschlucken. Außer zwei Surfern ist niemand im Wasser. Auch ich hatte bis jetzt noch keine Lust.
Das, was ich für mich beansprucht hätte, gibt es nicht. Scheint es nur in Phantasien zu geben. Einen Menschen, der ganz für mich da ist, der jede Freude und jeden Kummer mit mir teilt, der mich versteht, wie ich ihn verstehen möchte, und der mit mir über alles spricht. Mich immer wieder liebt, so, wie aus einer Quelle Wasser sprudelt und unversiegbar rinnt, sollte diese Liebe sein, so lange wir leben ...
Träume decken sich nie mit der Wirklichkeit. Es kommt eine Zeit, da weigert man sich, zu träumen, um beim Erwachen nicht zu sehr enttäuscht zu sein. Nicht nur, daß ich schlecht geträumt habe die letzten Nächte, war auch kein Verlangen in mir wie sonst. Verlangen — wonach? Ich weiß es nicht mehr. Alles liegt weit zurück, als wäre es wie jenes Wrack am grande plage, versunken, von Salzwasser und Rost total zerfressen und kaputt wieder an den Strand gespült worden, sinnlos, jeder Bestimmung beraubt und doch da, für lange — wie lange — ein Menschenalter oder — eher möglich — den nächsten atlantischen Winterstürmen ein grimmiges Ziel.
Ist nicht alles schon geschrieben, gedacht, gefühlt? Wenn die Sehnsucht einmal wegfällt — was bleibt? Könnte nicht Zufriedenheit statt Ernüchterung folgen? Oder ist sie ein Privileg für fromm — gute Gemüter, nur dem zugänglich, der sie sich verdient hat ...?
Hinter der sichelförmig gebogenen Bucht steht der Wald, davor noch, grüngefleckt durch scharfkantiges Dünengras, die Sanddünen. Kein Haus, kein Hotel, kein Hinweis auf Leben außerhalb des Strandes. Schirme, Badetücher, vereinzelt sind Liegestühle zu sehen.
Es gibt genug Steine, um damit dem besitzergreifenden Wind zu trotzen, Schirm und Liegetuch zu schützen.
Scharf weht manchmal ein Sandstrahl auf nackte Haut.
Spätnachmittag. Jetzt ist der Strand schon zu einem schmalen Streifen zusammengeschmolzen. Ich versuche, mir einen Weg durch die Urlauber zu bahnen. Im Kampf mit dem Wunsch, ins Wasser zu gehen, und der Angst vor der Kälte und Kraft der grünweiß schäumenden Wellen, bin ich unterlegen. Zu wenig Mut und Kraft, wie bei allem ...
Heimweg. Auf frischverputzten Steinmauern, auf Zäunen, Holzlatten, Toren, kleben Schnecken eng aneinander. Schnecken, die von weitem wie kleine Kieselsteine aussehen. Sie haben vorgesorgt, sind nicht einsam.
Der Atlantikwind reißt den Duft von den kleinen kurzstengeligen Blüten, die „Immortelle”, Unsterbliche, genannt werden, entreißt ihnen den Duft, um ihn mir eilends zu überbringen. Wieviel Kraft muß in diesen kleinen Blumen sein, wie stark ihre Wurzeln, daß sie sich im lockeren Sand der Dünen standhaft halten können, aufrecht.
Auch im Straßengraben neben dem Radweg halten Schnecken jeden grünen Pflanzenstengel und viele dürre Planzen besetzt, Seite an Seite, regelmäßig, wie sorgfältig aneinandergeklebt. Weiß man, wenn man liebt, ob der Stengel grün bleiben oder verdorren wird? Nachher ist es zu spät, nur verhungern ist die Alternative. Oder, wie die Schnecken, sich so lange an schon Verdorrtes anklammern, ankleben, bis man selbst tot und verdorrt ist ...
Aus dem weißlich verwitterten Tor eines verwilderten Gartens, in welchem mörderischer Efeu für Baumleichen sorgt, purzeln vier winzige falbe Kätzchen, die Farbe des abblätternden Tores an sich vervielfältigend. Beim Hineinfahren in den grünen Tunnel des Heckenweges versuche ich, den nach mir greifenden, dornenbewehrten Hängezweigen der wilden Brombeeren auszuweichen. Blasse, weißrosa Malven an der Hauswand und der turmhohe Lorbeerbaum an der Mauerecke ziehen mich zum Holzgattertor hinein.
Ich beschließe, mir an den Schnecken ein Vorbild zu nehmen. Schließlich wissen sie ja nicht, ob der Stengel, an den sie sich klammern, grün bleiben oder verdorren wird.
Nein, ich habe nicht photographiert bei der fete folklorique in Grand Village. Nicht die schlanken, teils hageren, teils wenig schönen Frauen in den altmodischen schwarzen Kleidern, nicht die hohen Pinien, nicht den Tanzboden, über den leicht flatternd eine blaue Plane wehte, nicht die die Luft bewegende flammende Glut der Eglade, nicht die Frauen, die hinter den Ständen an langen Tischen gesenkten Kopfes Muscheln putzten, Muscheln, schwarz wie ihre Kleider, nicht das kleine Mädchen mit dem alten, langen blauen Kleid mit den schwarzen Samttressen ... es waren einfach schöne, unvergeßliche Augenblicke der Lebenslust, als die Tänzer sprangen und sangen, mitreißend in ihrem natürlichen Temperament. Wäre meine Erziehung nicht so körperfeindlich gewesen, hätte ich mich einem anderen als dir anvertraut, hätte ich vielleicht auch so tanzen können ...
Ein verlorenes Jahrzehnt, so verloren, die Jugend dahin, die Schönheit dahin, kommt nie mehr, jetzt nur mehr störrisch das Alter abwehren, das ungeniert kommt, den Körper in Besitz nimmt, dann auch den Geist, ungefragt, ungerufen, ungeliebt.
Jeder Tag ist ärger als der vorhergehende, jede Nacht stürzt mich in ein Chaos negativer Gefühle. Mit mir und der Umgebung uneins, bleibt mir nur übrig, mich in die Isolation zu flüchten, sie wiederzufinden, altgewohnt, ungeliebt, doch so vertraut. Tränen am Strand von Domino, Tränen der Verlassenheit, die sich mit denen des Schmerzes mischen, als ich mir den Fuß an einer Muschel aufschneide, als mich die Wellen unfreundlich über die Steine schleifen.
Nicht mehr mit dem Meer befreundet und keine Freunde um mich — totaler Schmerz, totale Einsamkeit.
Was bleibt, ist die Erinnerung an einige schöne Momente und die Hoffnung, mit ihrer Hilfe — irgendwie — das Leben bis zum Ende durchstehen zu können. Und — endlich — das Verständnis für alle, die, gleich mir jetzt, es aufgegeben haben, an das Unmögliche zu glauben. An eine zärtliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, ohne Streit, ohne Vorwürfe, ohne Eifersucht und ohne den Haß, der unweigerlich folgt, wenn die Liebe geht — oder deswegen ...
Zurückgeworfen in die Einsamkeit, bereue ich es, jemals versucht zu haben, ganz für eine Liebe zu leben. Hätte ich das unterlassen, könnte ich vielleicht noch immer an sie glauben. Jetzt glaube ich nicht mehr an sie (gab es sie je?), nicht an seine, nicht an meine, nicht an irgendeine. Und war doch so davon überzeugt, daß sie wichtig wäre, nötig, hilfreich, um das Leben bestehen zu können.
So wie manche Schnecken habe ich mich an den falschen — dürren — Ast geklammert.
Werde ich jemals wieder lieben können?
Die Immortellen in der Vase auf dem Fensterbrett könnten mir die Antwort geben ...

Fell aus Titan

Phasetten 5 / Gedichte
zum Thema Schmerz
Hg. Sylvia Treudl

Zweisprachig

DER KLEINE IST WIRKLICH EIN LIEBES KIND
No amoi so an Fratzn wüll i nur üba mei Leich — des schreib da hinta deine Uhrwaschln

JA, ER SIEHT SEINEM VATER SEHR ÄHNLICH
Du lumpigs Gstöll host genauso a Watschengsicht wia dei graupata Voda

ER LERNT SEHR BRAV — NUR LAUTER EINSER
Hearst, waunn du in dera Schui ned auzahst und i noamoi zwegn deina zu de Lehra sudern geh muaß du Baunkat dann flach i dar ane daß'd olle Engl singa hearst du Falott du hirngschissana

SOGAR SEINE SPIELSACHEN RÄUMT ER SELBST ZUSAMMEN
Waunns bei dia in dera Bude noamoi so schlaumpat ausschaut ois wiar in an Rotznstodl oda in an Zigeinaloger hau i da dei Klumpat solaung kreizweis iba die Leffl bis i di daschlog damit du Gfrast du schlaumpats

ER HILFT MIR FLEISSIG, GEHT SOGAR FÜR DEN PAPI EINKAUFEN
Waunn i dia des ollaweu dreimoi sogn muaß daß du jetzt endlich fia dein Voda um a Bier und um Tschik geh soist daunn tritt i di auße beim Tempi daß da's Kreiz obricht du faules Trumm du ölendichs

ER IST AUCH GAR NICHT FRECH ZU MIR WIE DAS ANDERE KINDER OFT SIND
Waunn du dei dreckige Pappn no amoi aufreißt und deina Mutta Frechheiten sogst klesch i dar ane daß'd di nimma dakennst du Rotzpipn du goscherte

ER WAR SCHON MIT EINEINHALB JAHREN GANZ SAUBER
Pisch di jo net noamoi au du Drecksau du stinkade sunst reib i da des Gwaund um de Nosn du ausgschwabta Donaufetzn du miesa

JA, OHNE KINDER WÄRE DAS LEBEN NUR HALB SO SCHÖN
Wos i fiara Lebn hom kennt ohne di du ölendiches Gfrast du des war gornet zum sogn du Mistviech bringst mi no ins Grob du und dei saubara Herr Voda es werds no in da Kronenzeitung steh wauns mi weida so ratzn tuats ...

NÖ. Mund-Art
Anthologie

Literaturedition Niederösterreich

In Sieghartskirchn haaßts
„Paper-shop”

in Heiligeneich haaßts
„Schreibbedarf”

Jetzt kenn i mi nimma aus:

Wohnan durt lauter Ami
und do lauter blau-göbe?
Des is do nua 5 kilometa ausanaund

In GB hob i no nia
a „Papierwaren”-gschäft gsegn
so oft i a scho duat woa

irgandwos
kaun do ned schtimma
bei uns in Austria ...

meine oidn
san heia
siemanvierzg johr
vaheirat —.
siemavierzg! Aungst mocht ma des

so hoch
is de Lottn glegt
so kaun i mi nia
auschtrenga
daß i do
auffakumm

i hob mi scho dawischt dabei
beim rechna ... du bist jetzt
ochtavierzig i wia jetzt
sechsavierzig ...

liaba ned

dorf in weinviertl

da anziche greißla sperrt sicha boid zua
des müchamperl füllt no in poidl sei kuah
de eier de hoi ma vo da beirin danebm
ollas in oin — es loßt si do lebm

ohne gortn do warat des ollas net schee
wohi soitast do uman petersüü geh?
und jeds joar in advent draht da nochbar — jö schau —
aun da feichtn vurn haus de elektrokerzerl au

und in den klan teich nebm den kinstlichen berg
fischt seit johren noch goldfisch a grinsada zwerg
a aundara zwerg tuat harmonika schpüün
a dritta mitn schauferl de erdn aufwühln

oiwäu stengan d'weiba wo gatschert beinaund —
waun de ned ois wissatn, des waar a schaund —
und aus da schtülln kiachn mit da offanan tia
kummt in summa de kältn von winta zu dir

des geht ma scho aufd nerven

net amoi in kopf
kaunst bein fensta aussastreckn
griaßt di scho wer
und redt wos
und waunsd mitn auto hamkummst
fragt ollawäu ana „wo woa ma denn”
und waunst in goatn oabatst
kummt imma ana zuwa und schaut
wos du augartlst und dazöhlt da
daß ER die erbsen scho vur die eismaunna eiglegt hot
und daß gegn de Wühlmaus
nua a schtaudn hülft
und daß de pepperl
aufd wochn heiratn muaß ...

in da schtodt
kennt di kana
neamd redt di au oda bringt da kiaschn
waun a zvüü am baam hänga hod
und du brauchst di a net aufregn
waun di da nochbarsbua net griaßt — der rotzer
wäu di sowieso neamd
griaßn tuat — do

i hob goanet gwußt
daß ma unta sovüü leit
so allaa
sei
kau

wochenend

zerscht wiad da rosn gmaht
daun wiad des auto gwoschn
daun wiad de stroßn vurn haus zaumkehrt
daun miassn olle in die bodwaun
de kuchl is aufgwoschn
und in da rehrn steht wos bochanes

aufd nocht draht sie dmutta de hoar ei

ind kiachn wiad gaunga
ind erschte mess
natirli min suntaggwaund
nocha wem wiaschtl gessn
oda a beischlsuppen
und boid drauf
de schnitzl
(oda da schweinsbrotn)

nochn essn rosten si olle aus
— is eh nua amoi in da wochn —
daun wiad de oma besuacht
oda da bruada
maunchmoi gibts an feierwehrheirichen
oda a summafest amoi
hot sogoa wer
steckerlfisch braten

oba umma ochte sitzn
olle wieda daham vurn glotza
wäu — vasamma
derf ma nix

Vuawürf

schtott mitn haundtaschl
gengans mitn Rucksock
oda ohne wos
am suntog
liegns bis z mittag in bett
und des gschia
schteht oft togelaung
ummadum
s göld gems fias kino aus
oda fian pudelscherer
oda dia fetzn
schpoan hom de
nia glernt
und wieso, sog amoi
hod der freind ka auto
wos tuat denn der
mitn göld?
es werdts scho no schaun
wos hikummts —
ned sowei
wia mia!

a durt woits es goanet hi ... i hob
jo scho imma gwußt es kennts
ned gaunz noamal sei ... nojo,
die Erziehung ....
© 2011 Brigitte Wiedl